Buchtipp: Die Geschichte des Fernunterrichts

Die historische Aufbereitung des Themas Fernunterricht oder DistancE-Learning führt den Lesenden durch die Geschichte des Fernunterrichts in Deutschland von seinen Anfängen bis in die 2000er Jahre.

Für das professionelle Selbstbewusstsein der jungen Disziplin Erwachsenbildung sind Erkenntnisse über die Entstehungsjahre und Einflüsse auf die Disziplin wichtige Bausteine. Die historische Aufbereitung des Themas Fernunterricht oder DistancE-Learning führt den Lesenden durch die Geschichte des Fernunterrichts in Deutschland von seinen Anfängen bis in die 2000er Jahre. In einem Interview beantwortet Autor Heinrich Dieckmann dem Verband einige Fragen zum neuerschienenen Werk.

Herr Dieckmann, wie entstand die Idee zum Buch und vor allem, wieviel Arbeit steckt in dem Werk?

H. Dieckmann: Die Idee zum Buch reifte über einen längeren Zeitraum. Einer der Ausgangspunkte war sicherlich die Bekanntschaft mit Manfred Delling, der über Jahre Materialien zur Geschichte das Fernunterrichts für eine Ausstellung des DIFF (Deutsches Institut für Fernstudien an der Universität Tübingen)  im Jahr 1992 zusammengetragen und aufgearbeitet hat. Zum Zweiten waren es die Jubiläen der Studiengemeinschaft Darmstadt (SGD) zum 60. und 65. Jahrestag. Zu diesem Anlass bekam mein Mitautor Dr. Holger Zinn den Auftrag, die Unternehmensgeschichte aufzuarbeiten. Zum Glück gab es noch eine Vielzahl von Dokumenten bei der SGD, die dazu herangezogen werden konnten.

Der dritte Anlass, mich mit der Entwicklung des Fernstudiums zu beschäftigen, war dann ein Interview mit altgedienten Fernunterrichtsexperten zur Geschichte des Fernunterrichts in der Nachkriegszeit und zur Entstehung des Fernunterrichtsschutzgesetzes. Dieses zeichneten wir anlässlich der Verabschiedung des langjährigen Leiters der Staatlichen Zentralstelle für Fernunterricht (ZFU), Herrn Michael Vennemann, 2013 auf. Auf dieses Gespräch (auf dem Youtube-Kanal des Verbandes zu finden) musste ich mich ausführlich vorbereiten.

Das war schließlich die eigentliche Initialzündung, um zusammen mit Dr. Zinn das Projekt anzugehen. Es brauchte dann noch einmal drei Jahre bis zur Fertigstellung. Doch das Buch würde es nicht geben, wenn nicht viele heute noch im Fernunterricht Aktive oder ehemalige Aktive Beiträge geliefert, Unterlagen oder Broschüren zur Verfügung gestellt oder sich Zeit für Interviews genommen hätten. Insofern ist es auch ein Werk Vieler. Daraus ist aus unserer Sicht ein gut lesbares Buch entstanden, das den Fernunterricht von den Anfängen in den 1860iger Jahren bis ungefähr in das Jahr 2000 dokumentiert.

Haben Sie als Branchenkenner auch selbst noch Neues im Rahmen Ihrer Recherche in Erfahrung bringen können?

H. Dieckmann: Wenn man sich mit der Geschichte des Fernlernens beschäftigt, ist es selbst für jemanden wie mich, der schon viele Jahre im Fernunterricht tätig ist, erstaunlich, was alles zu Tage tritt. Bemerkenswert ist dabei die frühe Bedeutung des Fernunterrichts für die berufliche Weiterbildung, mit zum Teil erstaunlich hohen Teilnehmerzahlen. Umso verwunderlicher ist es, dass der Fernunterricht und seine Entwicklung in der Erwachsenenbildungsliteratur bislang kaum Beachtung fand. Unser Buch schließt jetzt diese Lücke und insofern haben wir viel Neues dazu gelernt.

Interessant ist vor allem, dass im Grunde die damaligen Lernmaterialien schon ganz ähnlich aufgebaut waren wie heute unsere modernen schriftlichen Lehr- und Lernunterlagen. Ebenso erstaunlich war für uns wohl, dass es bereits um 1900 eine Vielzahl von Anbietern gab, die das Thema Fernunterricht für sich entdeckt hatten, darunter auch Gewerkschaften und Bildungsvereine. Auch die damalige Breite des Angebotes überrascht rückblickend. Denn diese reichte bereits um die Jahrhundertwende vom Französischkurs über Stenografie und Klavierspielen bis zu Statistik und Maschinenbau. Sogar Grundbegriffe der Medizin wurden per Fernunterricht vermittelt. Auch die Möglichkeit der Vorbereitung zum Nachholen von Schulabschlüssen bestand schon damals - ausdrücklich auch für im Ausland lebende deutsche Staatsangehörige. Man kann also durchaus festhalten, dass sich schon Anfang des 20. Jahrhunderts der Fernunterricht als eine der vielfältigsten Formen der Erwachsenenbildung etabliert hatte.

Interessant ist auch, dass bereits 1921 die erste Fernhochschule gegründet wurde, die angeblich schon im Januar 1929 mehrere tausend Studierende hatte. Leider sind keine Unterlagen aus jener Zeit erhalten.

Während des Dritten Reiches wurden fast alle privaten Fernlehrinstitute geschlossen. Nach 1945 bauten bereits bekannte Namen sowohl in der DDR als auch in Westdeutschland den Fernunterricht trotz der nachkriegsüblichen Schwierigkeiten sehr schnell wieder auf. Man kann sich heute gar nicht mehr vorstellen, unter welchen schwierigen Bedingungen die ersten Institute wieder ihre Tore öffneten. So ist bspw. dokumentiert, dass Teilnehmer sich zeitweise nur dann zum Fernunterricht anmelden konnten, wenn sie Altpapier mitbrachten.

In der Nachkriegszeit war die berufliche Weiterbildung oder Umschulung das prägende Thema. Entsprechend sind es auch die technischen und wirtschaftlichen Themen, die in dem rasch aufstrebenden Fernunterricht eine wesentliche Rolle spielten. Überraschend war, wie hoch die Fluktuation unter den Anbietern offensichtlich von Anfang war. Das ist indirekt aus alten Unterlagen zu erschließen. Eine konkrete Statistik ist erst aus 1968 bekannt. Von den dort aufgeführten 32 Anbietern sind heute nur noch fünf am Markt. Erstaunlich jedoch, dass diese 32 Anbieter bereits weit über 200.000 Teilnehmer verzeichneten.  

Was beeindruckt Sie nachhaltig an der Geschichte des Fernunterrichts?

H. Dieckmann: Sehr beeindruckt hat mich in der Entwicklung des Fernunterrichts der Pioniergeist und die Visionen einzelner Pädagogen und Unternehmer bzw. „Unternehmerpädagogen“. Mit Weitsicht und Ideenreichtum etablierten sie erfolgreich eine Lernform, die bis heute manchmal leider noch als randständig betrachtet wird. Beeindruckend ist außerdem, wie vielfältig schon von Anfang an die Angebote waren und wie viele berufstätige Menschen sich im Laufe der Jahrzehnte durch Fernunterricht weiterbilden konnten, beruflich oder allgemein bildende Abschlüsse erreichten, Karriere machten und auf diese Weise ihr Leben erfolgreich gestalten konnten.

Für mich persönlich war es auch faszinierend zu sehen, wie schnell der Fernunterricht immer wieder neue Medien integrierte und das von Anfang an. Schon mit dem Aufkommen der Schallplatte wurde diese bereits 1905 in den Fernunterricht einbezogen. Und so ist die Entwicklung bis heute in Bezug auf moderne Medien geblieben. Fernunterricht lässt sich daher durchaus auch - das hat Olaf Zawacki-Richter in einem Aufsatz deutlich gemacht - als eine Mediengeschichte beschreiben.

Jetzt haben wir viel zurückgeblickt. Mögen Sie für uns auch einen Blick in die Zukunft wagen und verraten, wohin sich der Fernunterricht in Deutschland Ihrer persönlichen Meinung nach in den kommenden Jahren entwickeln wird?


H. Dieckmann: Um in die Zukunft des Fernunterricht zu sehen, sollte man einfach in die Vergangenheit gehen, zurück zu Kurt Laßwitz. Er schrieb 1899 eine Geschichte mit dem Titel „Die Fernschule“. Dort werden Fernschüler via Bildtelefon unterrichtet, in –sinngemäß zitiert – „bequemer Haltung zuhause, wobei die Technik soweit vorangeschritten war, das sich Schüler und Lehrer nicht nur verständigen, sondern auch gleichzeitig sehen konnten“. Was 1899 noch als Science-Fiction galt, ist heute Realität! Ich bin mir ganz sicher, dass man aus der Geschichte des Fernunterrichts lernen kann, dass sich die Lehr- und Lernmethode immer der Zeit und den Bedürfnissen der Lernenden anpasst, neue Methoden, Medien und Inhalte nutzt und dass auch in Zukunft Fernunterricht/Fernlernen, ob es dann E-Learning, Mobile-Learning o.ä. heißt, seine Bedeutung nicht nur weiter behält, sondern ausbaut. Der Blick in die Vergangenheit zeigt, dass auch in schwierigsten Zeiten der Fernunterricht immer seine Bedeutung für die individuelle Weiterbildung hatte und auch in Zukunft in abgewandelten, den geänderten Bedürfnissen angepassten Formen seinen Weg finden wird. Deshalb heißt auch das letzte Kapitel des Buches „Gut gerüstet in die Zukunft.“

Über das Buch:
Das Spektrum des Bandes reicht von der brieflichen Unterrichtung über die Weimarer Republik, den Fernunterricht zur NS-Zeit, den Neuaufbau in den 50er Jahren und die Neuorientierung in den 70er Jahren bis zum Aufschwung Ost und dem Medienmix der 2000er Jahre. Für ihre Arbeit haben die renommierten Weiterbildner Heinrich Dieckmann und Holger Zinn Quellen und Archive von Institutionen und Organisationen des Fernunterrichts ausgewertet. Auch die Geschichte des Fernunterrichts in der DDR wird für die einzelnen Jahrzehnte unter konzeptionellen, organisatorischen und ideologischen Aspekten betrachten.

Das Buch ist im wbv-Verlag erhältlich.





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